Redoxreaktionen

Oxidation, Reduktion und das Ausgleichen von Redoxgleichungen – verständlich erklärt

Redoxgleichung ausgleichen


Ergebnis der Redoxreaktion

Erklärtext: Redoxreaktionen von Grund auf verstehen

Teil 1: Grundlagen – Was sind Redoxreaktionen?

Redoxreaktionen (kurz für Reduktions-Oxidations-Reaktionen) gehören zu den wichtigsten Reaktionstypen in der Chemie. Sie begegnen uns überall: beim Rosten von Eisen, beim Verbrennen von Holz, in Batterien und sogar in unserem Körper beim Stoffwechsel. Das Besondere an Redoxreaktionen ist, dass dabei stets Elektronen von einem Stoff auf einen anderen übertragen werden.

Oxidation = Elektronenabgabe

Ein Stoff wird oxidiert, wenn er Elektronen abgibt. Seine Oxidationszahl steigt dabei an.

Reduktion = Elektronenaufnahme

Ein Stoff wird reduziert, wenn er Elektronen aufnimmt. Seine Oxidationszahl sinkt dabei.

Merke: Oxidation und Reduktion laufen immer gleichzeitig ab!

Was ein Stoff abgibt, nimmt ein anderer auf. Es gibt keine Oxidation ohne Reduktion – und umgekehrt. Eselsbrücke: OIL RIG – Oxidation Is Loss (of electrons), Reduction Is Gain (of electrons).

Der Stoff, der Elektronen abgibt (oxidiert wird), heißt Reduktionsmittel – er ermöglicht die Reduktion des anderen. Der Stoff, der Elektronen aufnimmt (reduziert wird), heißt Oxidationsmittel – er ermöglicht die Oxidation des anderen.

Oxidationszahlen – das wichtigste Werkzeug

Oxidationszahlen (OZ) sind fiktive Ladungen, die wir Atomen in einer Verbindung zuweisen. Sie helfen uns zu erkennen, ob eine Redoxreaktion stattfindet und wer Elektronen abgibt bzw. aufnimmt. Folgende Regeln gelten:

  • Reine Elemente haben die Oxidationszahl 0 (z. B. Na, Cl₂, O₂, Al).
  • Einfache Ionen haben die OZ gleich ihrer Ladung (z. B. Na⁺ → +1, Cl⁻ → −1, Mg²⁺ → +2).
  • Sauerstoff hat in Verbindungen fast immer −2 (Ausnahme: Peroxide wie H₂O₂ → −1).
  • Wasserstoff hat in Verbindungen fast immer +1 (Ausnahme: Metallhydride wie NaH → −1).
  • Die Summe aller Oxidationszahlen ergibt die Gesamtladung: bei neutralen Molekülen 0, bei Ionen die jeweilige Ionenladung.
Beispiel 1: Bildung von Natriumchlorid (NaCl)

Natrium reagiert mit Chlorgas zu Natriumchlorid (Kochsalz). Die roten Zahlen über den Elementen zeigen die jeweiligen Oxidationszahlen:

 2  0Na   +  0Cl     →   2  +1Na −1Cl

Na: 0 → +1 (Oxidation: jedes Na-Atom gibt 1 Elektron ab)

Cl: 0 → −1 (Reduktion: jedes Cl-Atom nimmt 1 Elektron auf)

Natrium ist das Reduktionsmittel (gibt e⁻ ab), Chlor ist das Oxidationsmittel (nimmt e⁻ auf). 2 Na-Atome geben je 1 e⁻ ab = 2 e⁻. Das Cl₂-Molekül nimmt diese 2 e⁻ auf (je 1 e⁻ pro Cl-Atom). Die Bilanz ist ausgeglichen.

Beispiel 2: Bildung von Magnesiumchlorid (MgCl₂)

Ähnlich wie Natrium reagiert Magnesium mit Chlorgas. Da Magnesium zweiwertig ist (gibt 2 Elektronen ab), werden zwei Chloratome benötigt, die je 1 Elektron aufnehmen:

0Mg   +  0Cl     →  +2Mg −1Cl  

Mg: 0 → +2 (Oxidation: das Mg-Atom gibt 2 Elektronen ab)

Cl: 0 → −1 (Reduktion: jedes Cl-Atom nimmt 1 Elektron auf, zusammen 2 e⁻)

Mg gibt insgesamt 2 Elektronen ab – genau so viele, wie die zwei Chloratome aufnehmen. Dieses Gleichgewicht der übertragenen Elektronen ist das Grundprinzip beim Ausgleichen aller Redoxgleichungen.

Video: Grundlagen der Redoxreaktionen

Teil 2: Einfache Redoxgleichungen ausgleichen

Nachdem du die Grundlagen kennst, geht es nun ans Ausgleichen von Redoxgleichungen. Das Ziel ist immer dasselbe: Die Gleichung muss sowohl massenausgeglichen (gleich viele Atome auf beiden Seiten) als auch ladungsausgeglichen sein (alle übertragenen Elektronen werden vollständig aufgenommen). Wir nutzen dafür die Halbreaktion-Methode.

Vorgehensweise: Halbreaktion-Methode (nicht-wässrig)
  1. Oxidationszahlen aller Elemente bestimmen und Änderungen markieren.
  2. Teilgleichungen aufstellen und Ladungen ausgleichen: Für jedes abgegebene bzw. aufgenommene Elektron e⁻ auf die passende Seite schreiben.
  3. Elektronen ausgleichen: Beide Teilgleichungen mit ganzzahligen Faktoren multiplizieren, sodass die Anzahl abgegebener und aufgenommener Elektronen gleich ist – kleinstes gemeinsames Vielfaches (kgV) der Elektronenanzahlen bestimmen.
  4. Zusammenfassen: Beide Teilgleichungen addieren und die Elektronen auf beiden Seiten kürzen.
Beispiel: Verbrennung von Aluminium (Al + O₂ → Al₂O₃)

Aluminium verbrennt an der Luft zu Aluminiumoxid. Die unausgeglichene Gleichung lautet: Al + O₂ → Al₂O₃. Wir gleichen sie Schritt für Schritt aus:

Oxidationszahlen aller Elemente bestimmen und Änderungen markieren.

Beide Ausgangsstoffe sind reine Elemente (OZ = 0). Im Produkt Al₂O₃ hat O die OZ −2 (Regel: O fast immer −2). Damit die Summe 0 ergibt: 2·(+3) + 3·(−2) = 0, also hat Al die OZ +3.

0Al   +  0O     →  +3Al   −2O  

Teilgleichungen aufstellen und Ladungen ausgleichen: Für jedes abgegebene bzw. aufgenommene Elektron e⁻ auf die passende Seite schreiben.

Wir schreiben für jede Änderung eine eigene Halbreaktion und gleichen die Ladungen mit Elektronen aus:

Oxidation (Al): Al → Al³⁺ + 3 e⁻
Al geht von 0 auf +3: die Differenz von 3 ergibt die Anzahl der abgegebenen Elektronen.

Reduktion (O₂): O₂ + 4 e⁻ → 2 O²⁻
O geht von 0 auf −2 pro Atom: −2 × 2 Atome = 4 aufgenommene Elektronen pro O₂-Molekül.

Elektronen ausgleichen: Beide Teilgleichungen mit ganzzahligen Faktoren multiplizieren, sodass die Anzahl abgegebener und aufgenommener Elektronen gleich ist – kleinstes gemeinsames Vielfaches (kgV) der Elektronenanzahlen bestimmen.

Al gibt 3 e⁻ ab, O₂ nimmt 4 e⁻ auf. Das kleinste gemeinsame Vielfache (kgV) von 3 und 4 ist 12. Daher multiplizieren wir die Oxidations-Teilgleichung mit 4 und die Reduktions-Teilgleichung mit 3:

4 · (Al → Al³⁺ + 3 e⁻)  →  4 Al → 4 Al³⁺ + 12 e⁻

3 · (O₂ + 4 e⁻ → 2 O²⁻)  →  3 O₂ + 12 e⁻ → 6 O²⁻

Zusammenfassen: Beide Teilgleichungen addieren und die Elektronen auf beiden Seiten kürzen.

4 Al + 3 O₂ → 2 Al₂O₃

Probe: 4 Al links und rechts ✓ | 6 O links (3 O₂) und 6 O rechts (2 Al₂O₃) ✓ | Elektronen vollständig gekürzt ✓

Video: Einfache Redoxgleichungen ausgleichen

Teil 3: Redoxreaktionen in saurer Lösung

In wässriger saurer Lösung stehen H⁺-Ionen im Überschuss zur Verfügung. Sie können beim Ausgleichen der Teilgleichungen verwendet werden. Außerdem entstehen häufig Wassermoleküle als Nebenprodukt – der Stoffausgleich ergibt sich dabei automatisch aus dem systematischen Vorgehen.

Vorgehensweise: Halbreaktion-Methode (saure Lösung)
  1. Oxidationszahlen aller Elemente bestimmen und Änderungen markieren.
  2. Für jede Teilreaktion:
    1. Teilgleichungen aufstellen (nur die reagierenden Stoffe eintragen).
    2. Ladungsausgleich: Elektronen auf die positivere Seite schreiben, bis beide Seiten gleich geladen sind.
    3. Stoffausgleich: Atome ausgleichen – O-Atome mit H₂O, H-Atome mit H⁺ aus der sauren Lösung ergänzen.
  3. Elektronen ausgleichen: Teilgleichungen mit dem kleinstem gemeinsamen Vielfachen (kgV) der Elektronenanzahlen multiplizieren.
  4. Zusammenfassen: Beide Teilgleichungen addieren.
  5. Kürzen: Gleiche Terme auf beiden Seiten (z. B. überschüssiges H₂O oder H⁺) herausstreichen und Probe machen.
Beispiel: Cl⁻ + MnO₄⁻ in saurer Lösung

Permanganat (MnO₄⁻) oxidiert in saurer Lösung Chlorid-Ionen (Cl⁻) zu Chlorgas (Cl₂). Dabei wird Mn⁷⁺ zu Mn²⁺ reduziert. Unausgeglichene Gleichung: Cl⁻ + MnO₄⁻ → Cl₂ + Mn²⁺

Oxidationszahlen aller Elemente bestimmen und Änderungen markieren.

−1Cl     +  +7Mn −2O  ₄⁻   →  0Cl     +  +2Mn  ²⁺

Cl⁻: OZ = −1 (einfaches Ion). Mn in MnO₄⁻: 4 × (−2) + OZ(Mn) = −1, also OZ(Mn) = +7. Im Produkt: Cl₂ = 0, Mn²⁺ = +2.

Schritt 2a – Teilgleichungen aufstellen:

Oxidation (Cl⁻): Cl⁻ → Cl₂

Reduktion (MnO₄⁻): MnO₄⁻ → Mn²⁺

Schritt 2b – Ladungsausgleich:

Oxidation (Cl⁻): 2 Cl⁻ → Cl₂ + 2 e⁻
Cl geht von −1 auf 0: Differenz = 1 e⁻ pro Cl-Atom. Da Cl₂ aus 2 Cl-Atomen besteht, werden 2 Cl⁻ benötigt, die zusammen 2 e⁻ abgeben.

Reduktion (MnO₄⁻): MnO₄⁻ + 5 e⁻ → Mn²⁺
Mn geht von +7 auf +2: Differenz = 5. Also nimmt jedes Mn-Atom 5 e⁻ auf.

Schritt 2c – Stoffausgleich:

Oxidation (Cl⁻): 2 Cl⁻ → Cl₂ + 2 e⁻
Kein weiterer Stoffausgleich nötig: Cl-Atome bereits ausgeglichen (2 Cl⁻ → Cl₂), kein O oder H beteiligt.

Reduktion (MnO₄⁻): MnO₄⁻ + 8 H⁺ + 5 e⁻ → Mn²⁺ + 4 H₂O
4 O-Atome aus MnO₄⁻ müssen gebunden werden → 4 H₂O auf die rechte Seite. Dafür werden 8 H-Atome benötigt → 8 H⁺ (aus der sauren Lösung) auf die linke Seite.

Schritt 3 – Elektronen ausgleichen (kgV von 2 und 5 = 10):

Oxidation gibt 2 e⁻ ab, Reduktion nimmt 5 e⁻ auf. Das kleinste gemeinsame Vielfache (kgV) von 2 und 5 ist 10. Daher: Oxidations-Teilgleichung × 5, Reduktions-Teilgleichung × 2:

5 · (2 Cl⁻ → Cl₂ + 2 e⁻)  →  10 Cl⁻ → 5 Cl₂ + 10 e⁻

2 · (MnO₄⁻ + 8 H⁺ + 5 e⁻ → Mn²⁺ + 4 H₂O)  →  2 MnO₄⁻ + 16 H⁺ + 10 e⁻ → 2 Mn²⁺ + 8 H₂O

Schritt 4 – Zusammenfassen:

2 MnO₄⁻ + 10 Cl⁻ + 16 H⁺ → 2 Mn²⁺ + 5 Cl₂ + 8 H₂O

Schritt 5 – Kürzen & Probe:

Nichts lässt sich mehr kürzen. Probe: 2 Mn ✓ | 10 Cl ✓ | 8 O ✓ | 16 H ✓ | Ladung links: −12 + 16 = +4 | Ladung rechts: +4 ✓

Video: Redoxreaktionen in saurer Lösung

Teil 4: Redoxreaktionen in basischer Lösung

In basischer Lösung stehen OH⁻-Ionen im Überschuss zur Verfügung. Die Vorgehensweise ist sehr ähnlich wie in saurer Lösung – nur werden beim Stoffausgleich statt H⁺ nun H₂O-Moleküle und OH⁻-Ionen eingesetzt. Beim abschließenden Kürzen heben sich H₂O und OH⁻ auf beiden Seiten oft gegenseitig auf.

Vorgehensweise: Halbreaktion-Methode (basische Lösung)
  1. Oxidationszahlen aller Elemente bestimmen und Änderungen markieren.
  2. Für jede Teilreaktion:
    1. Teilgleichungen aufstellen (nur die reagierenden Stoffe eintragen).
    2. Ladungsausgleich: Elektronen auf die positivere Seite schreiben.
    3. Stoffausgleich: O-Atome mit H₂O, H-Atome mit OH⁻ aus der basischen Lösung ergänzen.
  3. Elektronen ausgleichen: Teilgleichungen mit dem kleinstem gemeinsamen Vielfachen (kgV) der Elektronenanzahlen multiplizieren.
  4. Zusammenfassen: Beide Teilgleichungen addieren.
  5. Kürzen: Gleiche Terme auf beiden Seiten (H₂O, OH⁻) herausstreichen und Probe machen.
Beispiel: ClO⁻ + H₂O₂ in basischer Lösung

Hypochlorit (ClO⁻) reagiert in basischer Lösung mit Wasserstoffperoxid (H₂O₂). Das Cl in ClO⁻ wird reduziert (+1 → −1), das O in H₂O₂ wird oxidiert (−1 → 0, es entsteht O₂). Unausgeglichene Gleichung: ClO⁻ + H₂O₂ → Cl⁻ + O₂

Oxidationszahlen aller Elemente bestimmen und Änderungen markieren.

+1Cl −2O     +  +1H   −1O     →  −1Cl     +  0O  

ClO⁻: O hat −2, also OZ(Cl) = +1 (da +1 + (−2) = −1 = Ionenladung). H₂O₂: H hat +1, also OZ(O) = −1 (da 2·(+1) + 2·(−1) = 0). Im Produkt: Cl⁻ = −1, O₂ = 0.

Schritt 2a – Teilgleichungen aufstellen:

Reduktion (ClO⁻): ClO⁻ → Cl⁻

Oxidation (H₂O₂): H₂O₂ → O₂

Schritt 2b – Ladungsausgleich:

Reduktion (ClO⁻): ClO⁻ + 2 e⁻ → Cl⁻
Cl geht von +1 auf −1: Differenz = 2. Also nimmt Cl 2 e⁻ auf. Ladung links: −1. Ladung rechts: −1. Mit 2 e⁻ auf die linke Seite: −1 + (−2) = −3 ≠ −1. Korrektur: 2 e⁻ auf die linke Seite macht −3, rechts −1 → noch nicht ausgeglichen, der Stoffausgleich bringt es ins Gleichgewicht.

Oxidation (H₂O₂): H₂O₂ → O₂ + 2 e⁻
O geht von −1 auf 0 pro Atom: Differenz = 1. Mit 2 O-Atomen in H₂O₂ werden insgesamt 2 e⁻ abgegeben.

Schritt 2c – Stoffausgleich:

Reduktion (ClO⁻): ClO⁻ + H₂O + 2 e⁻ → Cl⁻ + 2 OH⁻
Links: 1 O aus ClO⁻ muss gebunden werden → 1 H₂O hinzufügen (links). Dadurch entstehen 2 H auf der linken Seite → 2 OH⁻ auf die rechte Seite (basische Lösung). Ladungsprobe: links −1 + (−2) = −3 | rechts −1 + 2·(−1) = −3 ✓

Oxidation (H₂O₂): H₂O₂ + 2 OH⁻ → O₂ + 2 H₂O + 2 e⁻
Links: 2 OH⁻ hinzufügen, um die H-Atome aus H₂O₂ zu binden. Rechts: 2 H₂O entstehen. Ladungsprobe: links 0 + 2·(−1) = −2 | rechts 0 + 0 + (−2) = −2 ✓

Schritt 3 – Elektronen ausgleichen:

Beide Teilgleichungen übertragen je 2 Elektronen – das kleinstem gemeinsames Vielfaches (kgV) ist 2. Da beide bereits 2 e⁻ haben, kann direkt addiert werden (Faktor 1 × 1):

1 · (ClO⁻ + H₂O + 2 e⁻ → Cl⁻ + 2 OH⁻)

1 · (H₂O₂ + 2 OH⁻ → O₂ + 2 H₂O + 2 e⁻)

Schritt 4 – Zusammenfassen (vor dem Kürzen):

ClO⁻ + H₂O + H₂O₂ + 2 OH⁻ → Cl⁻ + 2 OH⁻ + O₂ + 2 H₂O

Schritt 5 – Kürzen & Probe:

ClO⁻ + H₂O₂ → Cl⁻ + O₂ + H₂O

Nach dem Kürzen: 1 H₂O links und 2 H₂O rechts → netto 1 H₂O rechts. 2 OH⁻ auf beiden Seiten kürzen sich weg. Probe: 1 Cl ✓ | 3 O links (1+2) und 3 O rechts (2+1) ✓ | Ladung: −1 links und −1 rechts ✓

Video: Redoxreaktionen in basischer Lösung